Begrüßung unter Männern

Männer, wir müssen reden. Das geht so nicht weiter. Diese ständige Unsicherheit macht uns doch alle fertig. Erst vorgestern wieder: Ich treffe mich das erste Mal mit jemandem, den ich bislang nur aus dem Internet kannte, und was mache ich zur Begrüßung? Später. Halten wir erst einmal die Grundregeln fest: Unter Männern gibt es üblicherweise nicht viele Möglichkeiten, wie man sich begrüßt.

  • Das körperlose Hallo Kein Händedruck, keine Umarmung. Man trifft sich einfach nur. Vielleicht nickt man sich kurz zu, ein zustimmender Gesichtsausdruck, zeigt mit einem oder beiden Zeigefingern auf den anderen, man kann auch auf den Tisch klopfen und ein »Hallo in die Runde« werfen. Doch: Wenn man erst einmal damit angefangen hat, sich mit jemandem so zu begrüßen, legt man das in aller Regel auch nicht mehr ab. Unangetastete Komfortzone bleibt unangetastete Komfortzone.
  • Der Händedruck Der Klassiker. Ein guter Startpunkt, um von dort in eine andere Begrüßungsform überzugehen. Er kommt beispielsweise zum Einsatz, wenn die Frauen miteinander befreundet sind und man sich als männliche Partner das erste Mal trifft. Da ist eine Umarmung zu viel, man will sich aber auch nicht körperlos begrüßen; man weiß ja nicht, wie sich das alles noch entwickeln wird. Beim zweiten Treffen kann man den Händedruck vielleicht noch durch das Festhalten des rechten Oberarms des anderen Mannes mit der eigenen linken Hand ergänzen: Das baut Nähe auf, ist aber eben keine Umarmung. Auch beliebt in Geschäftsbeziehungen.
  • Die Umarmung Gefährlich, gefährlich! Eigentlich nur für geübte Begrüßer zu empfehlen. Denn manche Männer haben Schwierigkeiten dabei, die Schulter richtig auszuwählen, über die hinweg man sich umarmt. Das kann zu peinlichen Näherungen auf Kopfhöhe führen. Steuern kann man diese Situation aktiv durch die kombinierte Händedruck-Umarmung, bei der man sich erst die Hand reicht, in dieser Position verharrend die Arme vor den Körpern verschränkt, näher zusammenrückt und sich mit dem zweiten, frei gebliebenen Arm umarmt. Zügig abchecken sollte man, ob das Gegenüber mit seiner Hand auf den Rücken drückt oder mit viel Luft klopft – und es entsprechend erwidern. Streicheln empfinden die meisten Männer im Übrigen als Tabu oder eindeutiges Signal.

Zu diesen drei Grundregeln der Begrüßung unter Männern gesellen sich – allerdings eher selten – weitere Gesten, wie das leichte Boxen auf die Schulter nach dem bereits gelösten Händedruck. Gelegentlich muss man auch das leichte Schlagen des Handrückens auf die Brust- oder Bauchpartie ertragen, Fäuste zusammenschlagen (Fist Bump) oder einen komplizierten Zusammenstoß der Unterarme vollziehen, aber das sind, so meine Vermutung, eher merkwürdige Spielarten unter Spätpubertierenden. Das eigentliche Kopfzerbrechen – und deshalb, Männer, müssen wir reden – bereitet er:

  • Der Sportlerhandschlag Die Hände gehen dabei in die Ausgangsposition, die man vom Armdrücken kennt. Gerne etwas hohl zusammengeschlagen, um ein möglichst lautes Klatschgeräusch zu erzeugen. Oft auch weitergeführt zur sportlichen Schulterumarmung, bei der im anhaltenden Sportlerhandschlag die jeweils rechten Schultern kurz aneinandergeschlagen werden, ergänzt um ein anerkennendes Klopfen mit der anderen Hand auf den Rücken des Gegenübers. Das eigentliche Problem am Sportlerhandschlag ist jedoch, ob man den anderen Mann richtig einschätzt, ob er also auch einen Sportlerhandschlag erwartet oder man selbst erwartet, dass er einen Sportlerhandschlag erwartet. Für diese Entscheidung, in welcher Höhe und mit welcher Bewegung ich meine eigene Hand zur Begrüßung anbiete, bleibt oft nur eine Zehntelsekunde Zeit. Die Einschätzung, ob der andere Mann einen sportlichen Handschlag bevorzugt, ist nur mit unmittelbarer Studie von Körperspannung und Handhaltung, selten durch die Kleidung zu bestimmen. Entscheidet man sich falsch oder hat die Vorzeichen falsch gedeutet, entsteht zur Begrüßung ein peinliches Handgemenge, das beide bis zur Verabschiedung nicht vergessen werden – und so mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne Handschlag auseinandergehen. Hat man jedoch den Sportlerhandschlag einmal erfolgreich praktiziert, wird man ihn mit diesem Mann sehr zielsicher immer wieder durchführen; selbst dann, wenn einer von beiden oder gar beide nicht sonderlich sportlich sind. Wenn der Sportlerhandschlag in einem solchen Fall einmal nicht passend sitzt, ist es auch kein Drama mehr.

Zurück zu vorgestern: Ich war sicher, dass der Sportlerhandschlag angebracht ist. In der besagten Zehntelsekunde merkte ich aber, dass es ein normaler Handschlag werden wird – den wir sogar ohne Handgemenge oder sonstige Irritation ausführten. Ein guter, ehrlicher Händedruck. Doch meine Restenergie für den eigentlich geplanten Sportlerhandschlag bekam ich nicht unterdrückt, sodass ich auf den normalen Händedruck einen Oberarmklopfer folgen ließ! Wie so ein väterlicher Freund! Peinlich. Es war ein gutes Zeichen, dass wir zum Abschied wieder einen Händedruck schafften, wenngleich im Laufen befindlich und in körperlicher Distanz zueinander, weil wir uns in unterschiedliche Richtungen verabschiedeten. Das hatte schon fast etwas von einem »körperlosen Tschüss«. Was folgt daraus? Männer, lasst uns den Druck aus dieser Situation nehmen! Wir sollten dankbar sein, keine Küsschen-links-rechts-Kombinationen auswendig lernen oder der Intensität unserer Umarmungen eine Bedeutung beimessen zu müssen. Lasst uns den Sportlerhandschlag einfach zum Standard der Begrüßung unter Männern werden lassen. Denn eigentlich verkompliziert er die Situation nicht, sondern er ist ihre Lösung. Komplexitätsreduktion von 3 auf 1: Ein Hoch auf den Sportlerhandschlag! ■

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6 Gedanken zu „Begrüßung unter Männern

  1. Ich kannte mal jemanden, der seine Freunde mit einem herzhaften Griff zwischen die Beine begrüßte.
    Ich habe es vermieden, mich näher mit ihm anzufreunden, seine Freunde hassten es, trauten sich aber nicht, was zu sagen.
    Insgesamt sehr skurril.

  2. Also sowas! Ich muss gestehen, mich zuverlässig innerlich zu winden, so ich Zeugin eines Sportlerhandschlages werde. (Außerdem wird es meines bescheidenen Erachtens nach dem Fist Bump nicht gerecht, ihn lediglich als spätpubertierende Spielart am Rande zu erwähnen; ich bin aber zugegebenermaßen allein aus Geschlechtsgründen keine Koryphäe in dieser Frage.)

    • Können Sie denn zu einem alternativen Lösungsvorschlag beitragen, gerade aus weiblicher Perspektive?

    • Da es mir ganz geschlechtsneutral grundsätzlich lieber ist, meine Handflächen für mich zu behalten, halte ich mich an ein besonders kleines Einmaleins:

      • Ich kenne / mag dich nicht: Körperloses Hallo
      • Ich kenne und mag dich: Herzliche Umarmung

      Die feinen Abstufungen dazwischen ignoriere ich nach Möglichkeit (außerhalb geschäftlicher Beziehungen versteht sich). Es passiert dann schonmal, dass eine Beziehung kurzerhand mittels spontaner Übergriffigkeit auf ein Umarmungs-Level gehievt wird, da kann nicht jede(r) mit, dafür muss man schon eine gewisse Risikobereitschaft mitbringen.

      Aus meiner weiblichen Perpektive heraus würde ich es aber durchaus begrüßen, machten sich die Herren allgemein etwas lockerer, was das (vermeintlich) Männliche anberifft.

  3. Gutes Thema, weil echt leider ein riesen Problem. Es nervt einfach unheimlich. Eigentlich finde ich ja die beste Variante den Fistbump. Wenn man sich länger nicht gesehen hat aber zur Begrüßung auch eine Umarmung. Nur wird von allem was sich mal eingebürgert hat immer wieder abgewichen, so dass es immer komplizert bleibt. Hand schütteln finde ich für richtige Freunde einfach zu steif. Und Sportlerhandschlag ist schwierig zuverlässig gut koordiniert hinzubekommen, und es hat auch sowas Sportler-Prolliges.

    Das allerdümmste finde ich allerdings, dass man sowas nicht wirklich thematisieren kann, denn dann wird’s erst recht krampfig. Ich wäre da auch echt mal für Klarheit.

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