Es braucht nur den Mut, an einer fremden Tür zu klingeln

Es fällt mir schwer, diese Zeilen zu schreiben. Das Wort »Flüchtlinge« will ich vermeiden, denn es geht hier um Menschen. Aber das schaffe ich im Alltag schon nicht, ich muss mich rational dazu zwingen, nicht von »unserer Flüchtlingsfamilie« zu sprechen, wenn ich jemandem davon erzähle, dass wir sie mal wieder besucht haben. Ich will auch nicht, dass es hier danach klingt, dass wir eine besondere Leistung vollbringen. Tun wir nicht, es ist maximal so etwas wie Nachbarschaftshilfe. Pillepalle. Es soll auch nicht wie ein Aufruf klingen, wie einfach diese Art der Hilfe ist, und dass das jetzt alle machen müssen. Das soll jeder für sich bestimmen, mit allen Konsequenzen. Die ich nicht einmal durchdacht habe.

Das Bild von Ailan in den Nachrichten hat etwas in mir wachgerüttelt. Normalerweise ist mein Empathielevel für die Ungerechtigkeiten dieser Welt, die mich nicht unmittelbar betreffen, nicht sonderlich hoch. Ich finde Dinge schrecklich, aber rationale Empathie ist eben keine und kann keine Empathie sein. Aber Ailan lag da so wie unser Sohn abends im Bett. Vielleicht war es das. Grausam. Immer und immer wieder. Dieses Gefühl, entsetzlich privilegiert zu sein. Der erste Reflex: Wir müssen was machen, aber wir haben doch so schon keine Zeit! Also habe ich nichts gesagt, das ist nämlich auch ein Privileg. Bis meine Frau irgendwann sagte: Soll ich mich mal erkundigen, wie man Flüchtlingen hier vor Ort helfen kann? Ja! Ja! Ja!

Es war ein Anruf bei der Stadt, gefolgt von einem bei der Caritas, schon hatten wir die Adresse einer jungen Familie mit kleinem Kind aus Afghanistan. Das war alles. Wie, alles? Die müssen uns doch sagen, was die Familie jetzt braucht, was ihnen hilft, was wir konkret machen müssen. Nö. Es braucht nur den Mut, an einer fremden Tür zu klingeln. Den Rest bekommen Menschen hin, weil sie Menschen sind.

Sie wohnen in einer Einzimmerwohnung in einer normalen Wohnsiedlung, sind seit wenigen Tagen in der Stadt. Alles sieht ein bisschen zusammengewürfelt aus, aber es hat nichts von den Turnhallen oder Camps, die man im Fernsehen sieht. Hier wohnt eine arme Familie, die noch nicht weiß, ob sie in diesem Land bleiben darf. Es riecht lecker nach orientalischen Essen, einen schwarzen Tee bekommen wir angeboten, es ist unheimlich warm in der Wohnung. Freundlich sind sie, beide bestimmt noch keine 30 Jahre alt, die vierjährige Tochter zuckersüß. Deutsch oder Englisch sprechen sie schlecht, aber mit ein paar Vokabeln und Gesten kann man sich auch verständigen, die Kinder machen es den Erwachsenen vor. Die Kleine benötigt eine warme Jacke, ein Spaziergang zur Bedarfshilfe ist schnell gemacht, bei der sie sich für einen symbolischen Euro eine große Tüte füllen können. Was braucht ihr noch, sagt es uns, wünscht es euch! Handtücher, die Uhr an der Wand ist kaputt, drei Kleiderbügel, einen weiteren Kochtopf, eine Tischdecke, ein Tablett, solche Sachen eben. Ihnen zeigen, wie das mit dem Waschmittel und der Waschmaschine funktioniert.

Der Opa ist bei einem weiteren Besuch da. Ihr Vater. Mit Händen und Füßen können wir erschließen, dass sie verfolgte Christen sind. Er trägt eine Kette mit einem Kreuz um den Hals. Polizi Deutschland gut, Polizi Afghanistan schlecht, Bomben, Bomben, Leber kaputt, viel Krankenhaus. Man kann nur erahnen, was sie durchgemacht haben. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass wir uns nicht perfekt miteinander unterhalten können.

Und jetzt? Welche Erwartungen werden an uns gestellt? Haben sie überhaupt Erwartungen? Wie häufig sollen wir kommen? Was würde ich wollen, wenn ich in ein Land geflüchtet wäre, in dem ich die Sprache nicht spreche und plötzlich jemand an der Tür klingelt, der mir Hilfe anbietet? Würde ich überhaupt etwas wollen, oder will ich in dieser Situation vielleicht auch Dinge selbst erreichen? Sind das überhaupt Kategorien, in denen man denkt, wenn man auf der Flucht war – vielleicht auch nicht sicher ist, ob diese Flucht überhaupt beendet ist. Kann man zu viel helfen? Bei einem weiteren Besuch ist ein Dolmetscher dabei, ebenfalls ein Flüchtling. Wir hoffen, dass er vermitteln kann wer wir sind und warum wir da sind. Wir sind aber zwischendurch nicht sicher, ob er richtig übersetzt, ob er nicht eher abblockt. Vielleicht sollen sie es nicht besser haben als er, nur weil ausgerechnet wir bei ihnen an der Tür geklingelt haben? In welchen Kategorien denke ich da überhaupt?

Und in Zukunft? Sollen wir sie zu uns einladen? Schürt das falsche Erwartungen? Ein Freund fragte mich, was wir machen, wenn sie kein Asyl bekommen und abgeschoben werden. Wie ich mich dann fühle, was ich dann mache. Ich habe keine Ahnung, keine Antworten. Wir können nur versuchen, ihnen das Gefühl zu geben, dass es gut ist, dass sie hier sind. Ihnen mit kleinen Gesten eine schöne Zeit bereiten. Hilfsbereitschaft signalisieren, nicht aufdrängen. Es ist furchtbar kompliziert, aber es ist ganz einfach. Kugelschreiber und Spitzer muss ich zusammenpacken, damit wir sie das nächste Mal mitbringen. ■

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Ein Gedanke zu „Es braucht nur den Mut, an einer fremden Tür zu klingeln

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