His name is Steve!

Manchmal macht man sich die Geschichten anderer Personen zu eigen, um jederzeit ein gut gefülltes Smalltalk-Inventar mit sich herumzutragen. Von dieser hier weiß ich, dass andere sie immer wieder gerne erzählen, auch wenn ich nicht dabei bin.

Ziemlich genau vor acht Jahren war ich für einige Wochen in den USA auf Dienstreise. Im Bostoner Büro arbeitete eine Kollegin, die ursprünglich auch aus Deutschland kam, aber schon viele Jahre in Amerika lebte: Jutta. Sie hatte eine gewisse Unkonventionalität kultiviert, beispielsweise fuhr sie absichtlich kein Auto mit Automatikgetriebe, holte mittags gerne Gyros mit alles, und zumindest durch Boston ging sie ab und an in zerrissenen Jeans. Zu dieser Unangepasstheit gehörte auch, dass sie ihre Mittagspause ohne Zeitdruck lieber außerhalb des Büros verbrachte, obwohl wir uns dank Mikrowelle und Kühl-Gefrier-Kombination die Kulinarik dieser Welt in jeden Cubicle hätten zaubern können. Wir fuhren mittags also jeden Tag essen. Besonders beliebt war seinerzeit eine Kette namens Panera Bread, insbesondere wegen des täglich wechselnden Suppenangebots. (Wer jetzt an »No soup for you« denkt: Weiterlesen!) Der Bestellprozess war dabei dem sehr ähnlich, den man inzwischen auch in Deutschland von Starbucks her kennt: Am ersten Tresen sagte man seinen Namen und wählte aus, am zweiten wurde bezahlt, am dritten wurde man mit Namen aufgerufen, um sich seine Sandwichkreation oder eben Suppe abzuholen. Als Jutta bestellte und nach ihrem Namen gefragt wurde, sagte sie »J«. Das leuchtete mir sofort ein: Obwohl Jutta nun wahrlich kein komplizierter Name ist, bietet er doch schon genug Eigenheiten der deutschen Sprache, um den Bestellprozess unnötig zu verlängern. Viele arbeiten hier bestimmt mit Künstlernamen oder Nicknames; aber dieser Pragmatismus, einfach den ersten Buchstaben des eigenen Vornamens zu wählen, das passte wieder zu Jutta. Ein genialer Trick, den ich mir auch sofort zu eigen machen wollte, um nicht am Ende noch »Stefan« buchstabieren zu müssen und den Verkehr aufzuhalten. Ich war also mit meiner Bestellung dran. »Sir, what’s your name?« Jetzt wollte ich der vermutlich hispanoamerikanischen Bedienung direkt zeigen, wie lernfähig wir deutschen Businesstouristen sind. »S«. Sie schaute ein wenig irritiert, vermutlich hatte sie mich nicht richtig verstanden. »Excuse me, what’s your name?« Beim zweiten Mal betonte ich es besonders breit und deutlich. »S«. Da stürzte auch schon Jutta vom zweiten Tresen zurück und rief: »His name is Steve! His name ist Steve!« So unkonventionell war Jutta nämlich doch nicht. Danke, Jay! ■

Fischstäbchenorakel

Die aktuelle Verteilung einer Packung mit 15 Fischstäbchen erfolgt hier so: 3 und 2 für die Kinder, 4 und 3 für die Erwachsenen und 3 für ein aufzuwärmendes Essen am Anfang der Woche. Das wird aber vermutlich nicht so bleiben, die Kinder werden aufstocken: 4 und 3, 5 und 4 – und ich kann nur hoffen, dass bei 5 und 5 das Ende des Fischkuttermastes erreicht ist, damit wenigstens noch 3 und 2 Fischstäbchen für die Erwachsenen bleiben.

Als ich so arithmetisch über Fischstäbchen meditierte, wurde mir schlagartig klar, für wen die Packungen mit 5 Fischstäbchen gedacht sind, die ich bislang für ein Rentnerpack gehalten hatte – nicht zu verwechseln mit aggressiven Rentnern, dieses elendige Rentnerpack! Genau, die Packungen mit 5 Fischstäbchen wurden für Paare erfunden, die mitten im Leben stehen und deren Kinder gerade ausgezogen sind. Denn sie haben sich an genau diese Menge gewöhnt: 5 Fischstäbchen.

Welch ernüchternder Blick in die Zukunft.

Ich höre den Zwischenruf: Es täte dir auch jetzt schon gut, weniger zu essen! Kauf doch einfach mehr als eine Packung mit 15 Fischstäbchen! Ich antworte: Und in welcher Pfanne soll ich die zubereiten, du Backofenaufwärmer? ■

Schluss mit der Hefe-Diskriminierung!

Frische Backhefe: Kaum ein Produkt im Lebensmitteleinzelhandel verfügt über einen breiteren Familienstamm. Kaum ein Produkt kann eine beeindruckendere Kultur vorweisen. Kaum ein Produkt hat eine vergleichbare Triebkraft. Doch was mit frischer Hefe in Deutschlands Supermärkten passiert, ist ein Riesenskandal! Bei einer Stichprobe in ortsansässigen Supermärkten bot sich mir ein desaströser Anblick.

Hefe bei Kaisers
Frisch-Backhefe bei Kaisers: Verloren inmitten von Lachssalat, Sauerrahmbutter, Margarine und Hähnchen-Curry-Salat

Hefe bei Edeka
Oma’s Ur-Hefe und Frisch-Backhefe bei Edeka: Abgeschoben neben Fitnessmolke und Kirsch-Banane-Milch

Hefe bei Netto
Frische Backhefe bei Netto: Ein Trauerspiel zwischen Blätterteig und Aufbackcroissants, Poffertjes und Tunfisch-Sandwiches, Gnocchi und Fleischtortellini

Ich fordere: Schiebt die frische Hefe nicht länger in heterogene Kühlbereiche ab! Schluss mit der räumlichen Nähe zu Fertigbackprodukten! Beendet die Gleichstellung mit Fleischsalaten! Gebt der Hefe endlich einen festen Platz im Kühlregal: Immer neben der Butter, denn nur dort ergibt ihre Platzierung einen Sinn! ■

Aufgeweckt von Primzahlen

Halb vier. 20:15 Uhr. Viertel sieben. 5 vor 12. Punkt drei.

Als ob es nicht schon bekloppt genug wäre, dass eine Stunde aus 60 Minuten besteht, versklaven wir uns auch noch dazu, dieses System in 12 Fünferblöcke einzuteilen. Bis ich mit einem Freund darüber sprach, habe ich meine Wecker beispielsweise auch auf 06:25 Uhr, 06:45 Uhr und 07:10 Uhr gestellt. Er erzählte mir aber, dass er sich davon gelöst habe und anstelle der Fünferziffern einfach Primzahlen verwende.

Was für ein Spaß! Einfach den ersten Wecker auf 06:23 Uhr, den zweiten auf 06:47 Uhr und den dritten auf 07:03 Uhr stellen! Und am nächsten Tag den zweiten vielleicht auf 06:43 Uhr – weil man es kann! Die Verwendung von Primzahlen im Alltag, was für eine Bereicherung!

Profis verwenden natürlich nicht nur Primzahlen für die Minuten, sondern kennen die Primzahlen von 2 bis 2.357, um ihre Wecker zu stellen. Da bin ich aber noch nicht. ■

Jesus looking at things

Also das war so: Irgendwie musste ich an meine Jesus Action Figure denken. Gliding Jesus, um genau zu sein. Und dann hat die sich angeschaut, wie man Brot teilt. Und dass es heutzutage auch Uhren gibt. Und immer noch Feuer. Der Rest war ein Selbstläufer, da drüben auf Instagram.

Jesus looking at things

Nur: Jetzt weiß ich nicht, wie ich da wieder rauskommen soll. ■